Thesen
Folgende drei theoretische Ausgangspunkte lagen der Forschung zugrunde:
- Die Notwendigkeit der Entwicklung des
konkret-anschaulichen, räumlichen Vorstellungsvermögens
in Einheit mit der Entwicklung des abstrakten Denkens.
Hochbegabte Persönlichkeiten unterscheiden sich von
weniger begabten durch ein hohes Entwicklungsniveau
beider geistiger Komponenten, bei weniger begabten
Persönlichkeiten gibt es insbesondere im Bereich des
konkret-anschaulichen Denkens erhebliche
Entwicklungsdefizite. Die größten Entwicklungspotenzen
liegen für diese Komponente im frühen Alter (Vorschul-
und Grundschulalter), nach der Pubertät sind
Entwicklungsrückstände nur schwer aufholbar.
- Die frühe Förderung der sensiblen Phasen:
Im frühen Alter liegen von der
Hirnforschung entdeckte sensible Phasen für sprachliche,
mathematisch-logische, musikalische, emotionale
Fähigkeiten sowie für die Bewegungsentwicklung. Diese
Phasen enden um das 9./10. Lebensjahr. Im späteren Alter
können Rückstände in diesen Bereichen nicht mehr, nur begrenzt und dann nur durch höchste Intensität
wettgemacht werden.
- Die harmonische Entwicklung beider Hirnhemisphären:
Die Hirnforschung
hat die Funktionen der rechten und der linken
Hirnhemisphäre in den Letzten beiden Jahrzehnten immer
exakter bestimmt und dabei festgestellt, daß der
schulische Unterricht weitgehend auf die Ausprägung der
Funktionen der linken Hirnhemisphäre gerichtet ist
(mathematische Fähigkeiten, logisches Denken, ,
Abstraktionsfähigkeit, Sprachlogik usw.), daß aber die
Funktionen der rechten Hirnhemisphäre vernachlässigt
werden (Phantasie, Emotionalität räumliches Denken,
Denken in Bildern und mittels konkret-anschaulicher
Vorstellungen usw.). Begabte Persönlichkeiten zeichnen
sich durch ein hohes Entwicklungsniveau der Funktionen
der rechten wie der linken Hirnhemisphäre aus.
Aus biografischen
Analysen später hochkreativer Persönlichkeiten
(Nobelpreisträger, Künstler u.a.) ist bekannt, daß sie
in der Regel bereits frühzeitig im Elternhaus oder durch
Partner in Tätigkeiten einbezogen worden sind, die in
besonderem Maße geeignet sind, die bezeichneten Defizite
nicht entstehen zu lassen, insbesondere durch ein
besonders anregendes und tätigkeitsaufforderndes
geistig-kulturelles Klima im Elternhaus.
Die pauschale Fragestellung des Projekts lautete deshalb auch: Wie
würden sich alle Kinder entwickeln, wenn es möglich
wäre, dieses besondere Klima möglichst allen Kindern,
unabhängig von ihrer genetischen Ausstattung und
unabhängig von ihrer dominierenden Umwelt bereits im
frühen Kindesalter zu schaffen (s.o.).
Von der Forschungsgruppe
wurden deshalb folgende spezifische Tätigkeitsbereiche
aufbereitet und für die kreative Arbeit mit Kindern im
frühen Alter (Kindergarten, Unterstufe, d.h.
Grundschulalter) umgesetzt. Zu diesen Bereichen
gehörten:
- musikalische
Elementarerziehung/Rhythmik
- Tanz und Bewegung
(ausgehend von den Grundlagen des modernen
Ausdruckstanzes)
- Darstellendes Spiel,
Theaterspiel, Rollenspiel, Körpersprache
- aktiver Umgang mit
Sprache und Literatur bis hin zum kreativen
Schreiben
- bildkünstlerisches
Gestalten
- Erlernen des
Strategiespiels Schach und anderer das
strategische, vorausschauende Denken fördernder
Spiele
- Nutzen des Computers
zum Knobeln und Gestalten.
Alle diese Tätigkeitskomplexe wurden so aufbereitet, daß sie - um
in den obigen Kategorien zu sprechen -, die Funktionen
der rechten Hirnhemisphäre entwickeln helfen, die
sensiblen Phasen nutzen und insbesondere das
vorstellungsgebundene, konkret-anschauliche und
räumliche Denken entwickeln. Ziel war eine
disziplinspezifische Arbeit mit allen Kindern in allen
Richtungen, weder eine frühzeitige Spezialisierung noch
eine stärker prononcierte Projektarbeit, zu verhindern
waren alle Gestaltungsformen, die zu frühen
Spezialisierungen der Kinder und zu Ungleichgewichtungen
in ihren Tätigkeiten führten. Kurz: Alle Kinder nehmen
an allen speziellen Tätigkeitsangeboten teil. Ergänzt durch frühe
Fremdsprachenförderung bilden diese Disziplinen, in die
alle Kinder langzeitig (ca. 5 Jahre) einbezogen werden, das
Komplexprogramm zur Begabungsentwicklung. Die erwachsenen Bezugspersonen
als Lehrer oder "Macher" (im Forschungsprojekt
jeweils erfahrene Spezialisten/Wissenschaftler/Künstler,
seit 1992 deshalb die Spezialisierung zum
Kreativitätspädagogen) sind Moderatoren, die den
Tätigkeitsprozeß der Kinder durch Motivation und
anregende Gestaltung bzw. Impulse fördern, wichtig ist
aber die geistige und praktische Auseinandersetzung der
Kinder mit den Angeboten, das Stimulieren hoher
Intensität der Tätigkeiten der Kinder.
Das Programm wurde von
vornherein als Ergänzungsprogramm zu den schulischen
Disziplinen verstanden, um die im Schulsystem historisch
verlorengegangene Einheit zwischen den oben genannten
Bereichen wieder herzustellen, es ging nie darum, die
schulischen Aktivitäten zu ersetzen, die schulischen
Bemühungen um ein hohes Niveau des abstrakten Denkens
und die Führung des Unterrichts vom Konkreten zum
Abstrakten war nicht zu korrigieren, sondern als
notwendig zu bewerten und zu ergänzen. Mit den
Leiterinnen und Erzieherinnen der Kindergärten und
später auch mit den Lehrerinnen und Horterzieherinnen in
den Schulen wurde jährlich eine einwöchige Fortbildung
seitens der Projektleitung gestaltet, um sie insbesondere
zu befähigen, das Anliegen zu verstehen und die den
Kindern in ihrer jeweiligen Tätigkeit zu stellenden
Aufgaben kreativ anzureichern.
Dieses Projekt wurde vom
Beginn des letzten Kindergartenjahres bis zum Ende des
vierten Schuljahres geführt. Es wurde so gestaltet, daß
in jeder Woche drei bzw. vier gestaltete Einheiten (in
der Schule quasi als Unterrichtsstunden) zusätzlich
eingeführt wurden. Ab Februar 1990 wurden die durch die
politische Wende entstandenen größeren Freiräume
genutzt und das Projekt voll in den Unterricht
integriert. Dies erfolgte zum einen durch die
zusätzliche Integration einer Stunde bildkünstlerisches
Gestalten in die Stundentafel. Außerdem wurden eine
Mathematikstunde genutzt für Arbeit am Computer und
Schach (je im wöchentlichen Wechsel), eine Deutschstunde
für darstellendes Spiel und kreativer Umgang mit Sprache
und Literatur, eine weitere Deutschstunde für elementare
Musikerziehung/Rhythmik und Tanz und Bewegung, je im
wöchentlichen Wechsel mit jeweils halben Klassen. Damit
war das ganze Programm in den Unterricht integriert.
Begonnen wurde in 8 repräsentativ ausgewählten
Leipziger Kindergärten (vier Versuchs- und vier
Kontrollkindergärten), weitergeführt wurde es an in
sechs Schulklassen an vier Leipziger Schulen in drei
deutlich unterschiedlichen Wohngebieten (2 Neubauschulen
in einem Neubauwohngebiet - Leipzig-Grünau, 1 Schule in
einem Altstadtgebiet - Leipziger Ostvorstadt, 1 Schule in
einem östlichen Stadtrandgebiet).
In jeder Schulklasse
wurden wöchentlich die angegebenen 4 Stunden durch die
Mitarbeiter des Projekts in den Schulen nach den
speziellen Plänen gehalten, ohne daß durch die
politische Wende auch nur eine Stunde ausfiel. Die 1985
erarbeitete Konzeption wurde von 1988 bis 1993 voll, wie
geplant, realisiert, die entsprechenden weiteren Vorhaben
wurden voll umgesetzt, insbesondere die zur
Verallgemeinerung geplante Lehrerfortbildung - auch wenn
das nach der politischen Wende in anderen
Organisationsformen geschah und dieses Projekt in den
letzten Jahren bis 1993 von den Autoren quasi privat
weiter betrieben wurde (Gründung einer gemeinnützigen
GmbH, Gründung eines privaten Bildungsinstituts, Abgabe
der Lehrstühle, da weder an der Hochschule für Musik
noch an der Universität Leipzig Forschungspotenzen
dafür bestanden). Gesehen werden muß aber auch, daß
die sich nach der politischen Wende etablierenden
Leipziger Leitungen dieses Projekt in der Regel kannten
und diese Personen mit ihm - zum Teil bereits seit vor
der Wende - sympathisierten. Das betraf den
Regierungspräsidenten, Herrn Steinbach, ebenso wie den
ersten Leiter des Leipziger Oberschulamtes, Herrn Kulpe,
oder den ersten Dezernenten für Kultur und Bildung, wie
auch seine Nachfolger, die Herren Dr. Girardet (der
bereits 1991 von Bonn aus unterstützte) und Tiefensee.
Die Kräfte der
Beteiligten und die immer nur geringen Mittel reichten
aus, um die praktische Tätigkeit mit den Kindern
durchzuführen, sie reichten nicht für eine, wie
eigentlich erforderlich, systematische wissenschaftliche
Begleitforschung. Zwar wurde eine Fülle von Einzeldaten
erhoben, aber schon allein durch mehrere Umzüge der
Projektleitung, durch fehlende Gelder für die
Auswertung, durch den Abbruch von 13
Qualifizierungsarbeiten 1990 und 1991 nach dem Wegfall
außerplanmäßiger und planmäßiger Aspiranturen wurde
dieser Bereich vernachlässigt und die Fülle an
Material, das zum Teil immer noch vorhanden ist, bis
heute nicht systematisch ausgewertet.
Das bezieht sich
insbesondere auf die jährlich eingesetzten
Intelligenztests, Kreativitätstests, Fragebögen an
Eltern, Lehrer, Erzieher, dann auch an die Kinder, an
weitere Tests und andere Verfahren zu Detailfragen. In
der Regel wurden nur die Haupttendenzen ausgewertet und
erfaßt, die wiederum für die Förderung des weiteren
praktischen Prozesses erforderlich waren, da dieser
praktische Prozeß jederzeit das Primat besaß.
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