Begabungsentwicklung durch Kreativitätsförderung in Kindergarten und Schule Prof. Dr. sc. Hans-Georg Mehlhorn Eröffnungsreferat auf der Fachtagung des Forums Bildung am 6. und 7. März 2000 in Berlin
(vgl. auch http://www.forum-bildung.de)
Vorbemerkung zu meinem Thema:
Der Schwerpunkt meines Themas liegt auf dem Aspekt der Begabungsentwicklung. Die Mehrheit der uns bekannten Konzepte setzt als Ausgangspunkt die Prozesse des Findens und Förderns von Begabungen. Das ist unserer wissenschaftlichen Position nach ein zu eng gefaßter
theoretischer Ansatz, der dazu führt, daß das in einer Gesellschaft
vorhandene Begabungspotential in
großem Maße unentdeckt bleibt. Denn gefunden werden kann nur, was
vorher entwickelt worden ist, gefördert werden kann nur, was im Entwicklungsprozeß sichtbar/erkennbar
geworden ist. Erst wenn für einen Menschen im aktuellen Lebensprozeß
die Möglichkeit vorhanden ist, auf einem oder mehreren Gebieten
menschlicher Lebenstätigkeit aktiv tätig zu sein, wird durch diese
Aktivität das vorhandene Begabungspotential so organisiert, daß eine externe Bewertung darüber möglich
wird, ob eine Persönlichkeit für eine Tätigkeit, mehr oder weniger
begabt ist. Bevor also eine Begabung gefunden werden kann, muß ihr
Entwicklungsraum und
Entwicklungsmöglichkeit gegeben worden sein.
Ein
solcher Ansatz ist somit grundlegend für den pädagogischen Prozeß der
Begabungsgenese in ihrer Einheit von Begabungsentwicklung,
Begabungsdiagnostik (Finden von Begabungen) und Begabungsförderung.
Zu meinem Beitrag: Nach den publizierten Positionen des Forums Bildung haben Bildung und Qualifizierung drei
Zieldimensionen, die unseres Erachtens auch dem heutigen Forum zugrunde
liegen sollten:
1. die Entwicklung der Persönlichkeit
2. die Teilhabe an der Gesellschaft und
3. die Beschäftigungsfähigkeit.
Aus historischer Sicht ist die Beschäftigungsfähigkeit die älteste Funktion der Schule, die
Entwicklung der Persönlichkeit die jüngste. Ich möchte meine Ausführungen
in drei Punkte gliedern:
1. die historische Ausgangssituation für eine veränderte Schule
Darunter verstehen wir eine zukunftsgerechte
Schule, eine entwicklungsgerechte Schule, eine begabungsgerechte
Schule und eine lebensumweltgerechte Schule, auf die ich in
allen drei Punkten eingehen werde.
2. unsere Position zu Begabung und Kreativität und
3. die Umsetzung unserer Position in der von uns geschaffenen Bildungsform, den BIP-Kreativitätsschulen.
Zu erstens:
Zur Verdeutlichung meines Anliegens vereinfache ich stark und gehe nicht auf Differenzierungen ein.
Die Wurzeln der gegenwärtigen
Schule liegen im europäischen Mittelalter. Am Beginn stand das Bedürfnis
der Kirche nach Vervielfältigung der zu überliefernden Texte (vor
Gutenberg) und der wirtschaftlichen Aufgaben in den Klöstern und
Kirchen. Die zweite Wurzel resultiert aus den Bedürfnissen der höfischen
Verwaltung, die dritte aus denen der entstehenden Gemeinwesen, schließlich
kamen historisch die Bedürfnisse des Militärs hinzu und die des
Gewerbes und des Handels sowie später der entstehenden Industrie. Lesen,
Schreiben, Rechnen, später Musik, körperliche Ertüchtigung, schließlich
Geografie und die Realienkunde als Anfänge der naturwissenschaftlichen
Fächer bestimmten historisch die Entwicklung des Fächerkanons wie auch
die Stundenproportionen. Damit hat sich die Schule nicht aus der
Sicht der jeweiligen künftigen Anforderungen an die Schüler, sondern
aus der Sicht der jeweils neu hinzukommenden aktuellen Bedürfnisse
entwickelt.
In dieser Zeit entstand die
Halbtagsschule, wie wir sie heute kennen. Die Kindheit mit dem
dominanten Spiel als eigenständige Lebensphase war noch unentdeckt. Die
Kinder gingen, sobald sie alt genug waren, vormittags in die Schule,
arbeiteten nachmittags auf dem Feld oder im elterlichen Gewerke. (In den
frühen Anfängen dieser Entwicklung arbeiteten ja bereits die noch jüngeren
Nichtschulkinder innerhalb ihrer Familien.) Selbst Ferien, wie die
Herbst- oder Ernteferien, haben hier ihre Wurzeln. Die - in der Regel -
Großfamilie unterstützte diesen Lernprozeß inhaltlich und vor allem
sozial. Andererseits liegen hier traditionelle Wurzeln, die uns heute
Probleme bereiten, weil diese Traditionen zwar in der Schule, nicht aber
in der Gesellschaft und im zwischenmenschlichen Zusammenleben
fortgeschrieben wurden, wie bspw. die mangelnde intensive Bewegung und
Ausarbeitung der Schüler (weil an den Nachmittagen eben kein Feld mehr
abzuernten ist), die eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit mit
Gleichaltrigen, Jüngeren und Älteren, das schwierigere Eingehen
sozialer Beziehungen zum gemeinsamen Erfüllen sozialer Funktionen, das
erschwerte Erlernen der Übernahme sozialer Verantwortung für andere,
z.B. Schwächeren zu helfen, die Entwicklung der Toleranzfähigkeit usw.
Die Zukunftsfähigkeit der Schule
war gegeben, weil die Schüler in der Schule befähigt wurden, Wissen
und Fähigkeiten zu erwerben, die in ihrer Lebenszeit nicht veralteten.
Die Konstanz der überschaubaren Arbeits- und Lebensprozesse von der Großeltern-
zur Enkelgeneration fand ihr Spiegelbild in der Konstanz der Schule. Nötig
waren stabiles Wissen und stabile Fähigkeiten, um vorgegebene Aufgaben
so zu lösen wie schon ihre Eltern und wie dann wiederum ihre Kinder.
Die Hauptfunktion bestand darin, etwas nachvollziehen und verstehen
zu lernen, nicht sein Wissen und seine Fähigkeiten anzuwenden zum
Anpassen der eigenen Persönlichkeit an neue Entwicklungen noch gar zum
(kreativen) Initiieren neuer Entwicklungsprozesse. Das gesamte Leben
dominierte der Anteil des Normierten und Tradierten.
Diese Zustände sind noch gar nicht so lange vorbei, wenn sie aus der Sicht
der Schule gesehen überhaupt schon als vorbei angesehen werden. Meine
Schule unterschied sich vor 50 Jahren nur wenig von der Schule meiner
eigenen Großeltern und die meiner Kinder vor zwanzig Jahren besaß den
gleichen Fächerkanon in fast den gleichen Relationen und selbst die
Ferienzeiten waren in etwa die gleichen. Wenn ich mir die heutigen
Stundentafeln ansehe, dann dominiert die Konstanz gegenüber der Veränderung.
Ich will das nicht werten, weil das nicht mein Anliegen ist. Nicht zu übersehen
ist, daß die Lehrer selbst ein wesentlicher Faktor dieser Konstanz sind.
Ich besaß zwei Lehrer, die hatten bereits meine Mutter in den
Zwanzigerjahren in Geschichte und Musik unterrichtet und meine eigenen Lehrer haben zum
Teil auch meine Kinder unterrichtet - oder hätten, wenn wir nicht
umgezogen wären. Wer sich mal der Mühe unterzieht, nur die
Hochschullehrangebote der letzten Jahrzehnte anzusehen, findet eine ähnliche
Tradierung in der Lehrerbildung.
>Wenn ich mir jedoch den alltäglichen
Lebens- und Arbeitsprozeß von heute ansehe, dann gibt es allein in der
mir überschaubaren Lebensspanne entscheidende Veränderungen.
Meine Mutter war Sekretärin - man sehe sich heute ein Sekretariat an, mein Vater war Architekt - man sehe
sich heute ein Architekturbüro an. Oder um es einfacher und noch
bildhafter zu machen: Denken Sie an den Haushalt und dessen
Technisierung bei Ihren Großeltern, Ihren Eltern und vergleichen Sie
das mit Ihrem im etwa gleichen Lebensalter - oder: wer kann sich schon
vorstellen, wie das in 20, 30 oder 40 Jahren aussieht, für die wir
unsere Schüler vorbereiten.
Niemand ist heute in der Lage, jene
konkreten Kenntnisse und Fähigkeiten zu bestimmen, die unsere Schüler
dann benötigen. Aber wir verhalten uns meist noch so. Das heißt aber
nicht, wie das meines Erachten falsch verstanden in den letzten Jahren
erfolgte, nämlich den Anteil der zu erwerbenden Fähigkeiten und
Kenntnisse immer weiter abzubauen. Mein Geschichtslehrbuch über die
Urgesellschaft und die vorantiken und antiken Gesellschaften im fünften
Schuljahr umfaßte ca. 350 eng beschriebene Seiten, das meiner Kinder
war nicht einmal halb so umfangreich und das unserer heutigen Schüler
sieht zwar viel schöner aus, scheint didaktisch wunderschön gestaltet,
enthält aber nur noch ein Wissensminimum über diese historischen
Epochen.
Wir stehen heute vor der Forderung, daß die Ziele, Inhalte, Methoden und Organisationsformen der Schule aus
den Anforderungen von morgen zu bestimmen sind. Aus der Funktion der
Schule, die lebenslange Beschäftigungsfähigkeit der Schüler zu gewährleisten,
wurde in den letzten Jahren die Funktion, die Schüler - zugespitzt
gesagt - auf die permanente Neuerfindung ihres künftigen Arbeits- und
Lebensprozesses vorzubereiten. Der Satz, daß wir nicht für die Schule
sondern für das Leben lernen, erhält heute eine ganz andere Dimension
und wäre differenziert zu hinterfragen.
Wenn ich aber die Behauptung
aufstelle, daß sich die Hauptfunktion der Schule gewandelt hat, dann
ist das wohl falsch, weil wir noch mitten in diesem Prozeß stehen und
er wohl erst in Zukunft ein permanenter Veränderungsprozeß wird. Ich
kann die momentane Situation auch nicht quantitativ bestimmen. Das
anwachsende Fehlen von hochqualifizierten Fachkräften auf zunehmend
mehr Gebieten ist aber wohl ein Symptom, das auf Versäumnisse in der
Vergangenheit verweist und die Frage anschließt, ob nur in der
Vergangenheit und die Frage natürlich stellt, ob nur ein Versäumnis
der Schule oder auch Ergebnis einer schon längst nicht mehr hungrigen
Gesellschaft. Ich weigere mich, dies immer nur in Bezug auf unsere Fußballer
oder Olympioniken zur Kenntnis zu nehmen.
Auf die Ausgangsposition der
Zieldimensionen zurückkommend, geht es also nicht um ein Ausfüllen des
Spannungsfeldes zwischen Persönlichkeitsentwicklung, gesellschaftlicher
Teilhabe und Beschäftigungsfähigkeit, sondern um die Entwicklung der
Persönlichkeit für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und darin
eingeschlossen ihre Beschäftigungsfähigkeit. Entwicklung der Persönlichkeit
aber heißt Entwicklung ihrer kognitiven, kommunikativen, musisch-ästhetischen, motorischen und sozial-emotionalen Beziehungen zur Welt. In
diesem Sinne brauchen wir eine entwicklungsgerechte Schule. Es
geht nicht um die Entwicklung isolierter Funktionsfähigkeit und auch
nicht um irgendeine Form der frühen Spezialisierung für den Prozeß
der Arbeitsteilung, sondern um seine Ganzheitlichkeit. Und von daher muß
man fragen, wie sich eine solche Position mit der Begabungsentwicklung
und Kreativitätsentwicklung vereinbaren läßt, denn offensichtlich
gibt es doch keine Begabung an sich, sondern nur eine Begabung für
etwas, muß man nach einer begabungsgerechten Schule für die
Begabung jedes einzelnen fragen. Und wir müssen auch danach fragen,
wie die Lebensumwelt Schule des Schülers zu gestalten ist, also nach
eine lebensumweltgerechten Schule.
Und damit komme ich zu:
Zu unserer Position zu Begabung, Begabungsentwicklung und Kreativität.
Für uns ist Begabung die
auf dem jeweiligen Niveau entwickelte Fähigkeit der Persönlichkeit,
Aufgaben und Anforderungen auf dem jeweils erreichten individuellen
Entwicklungsstand mittels der eigenen Erfahrungen, der eigenen Fähigkeiten,
des eigenen Wissens und der eigenen Fertigkeiten eigenständig zu lösen,
wobei andere Personen oder Hilfsmittel in den selbständigen Lösungsprozeß
einbezogen werden können.
Der Kern der Begabung aber ist
die Kreativität. Kreativität so gesehen heißt, die individuell
erreichte/ entwickelte Begabung zu nutzen, um neue, dem Individuum, der
Gruppe oder der Gesellschaft bisher unbekannte bzw. so nicht bekannte Lösungen
für gestellte oder selbst gesuchte Probleme, Aufgaben oder
Anforderungen zu finden.
Diese Anforderungen können jedes
Gebiet menschlicher Lebenstätigkeit in unterschiedlicher Ausprägung
betreffen. Wenn wir davon sprechen, einen begabten Lehrer gehabt zu
haben, dann wird unser inneres Bild von diesem begabten Lehrer ein
jeweils anderes sein, je nachdem ob wir von einem begabten
Grundschullehrer, Gymnasiallehrer oder Hochschullehrer sprechen.
Im Sinne dieser Definition ist a
priori jeder Mensch begabt und es wird Gebiete oder Teilgebiete geben,
auf denen er begabter ist als auf anderen. Jeder hat seine ganz
spezifischen Stärken und Schwächen, die über die Lebensspanne
keineswegs konstant sein müssen. Das ist der intraindividuelle
Vergleich, der für Pädagogen ungeheuer wichtig ist, leider aber oft
vernachlässigt wird, weil Lehrer mit wachsendem Schulalter der Schüler
nicht mehr die Persönlichkeit, sondern nur noch die für ihren
Unterricht relevanten Teilbereiche sehen.
An die Stelle dieser
ganzheitlichen Betrachtung des Individuums tritt der Vergleich von
Teilbereichen - also von Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kenntnissen auf
bestimmten Gebieten - zwischen einzelnen Individuen. Auf diesem
interindividuellen Vergleich beruht die Begabungsdiagnostik mit der
Zuweisung der Prädikate minderbegabt, begabt oder hoch- bzw. höchstbegabt.
Drei Gründe sind dafür verantwortlich zu machen, daß Begabung in der
öffentlichen Diskussion in der Regel ausschließlich oder vorrangig mit
kognitiver Begabung gleichgesetzt wird. Das ist zum einen der enge
Zusammenhang von kognitiven Fähigkeiten und der öffentlichen Wertschätzung
beruflicher Hierarchien. Natürlich verfügt der hoch angesehene
Mathematik- oder Physikprofessor durchschnittlich über wesentlich
entwickeltere kognitive Fähigkeiten als der Verwaltungssachbearbeiter
oder der KFZ-Mechaniker, entscheidend für ihre fachliche Kompetenz sind
jeweils ihre kognitiven Fähigkeiten.
Zweitens können kognitive Fähigkeiten
mittels Intelligenztests seit fast 100 Jahren zumindest so gut bestimmt
werden, daß Individuen miteinander verglichen werden können. Und
drittens dominieren in der der individuellen Existenzsicherung dienenden
Arbeitswelt die kognitiven Fähigkeiten. Das sind aber alles keine Gründe,
Begabung oder gar Hochbegabung mit dem kognitiven bzw. in
Intelligenztests gemessenen IQ-Wert gleichzusetzen bzw. sie danach zu
bestimmen.
Kurz gesagt: es gibt mehr Begabungen als ein IQ messen kann. Das einerseits. Andererseits ist der
gemessene IQ nicht wertlos. Er drückt zum einen eine intellektuelle
Mindestleistungsfähigkeit aus: zu den erbrachten Leistungen ist ein
Individuum mindestens in der Lage, wozu außerdem, das wissen wir nicht.
Zweitens: Je höher der IQ ist, um so größer ist die
Wahrscheinlichkeit, daß ein Individuum Aufgaben einer breiteren Palette
bewältigt, der von Spearman entdeckte g-Faktor, der general factor, ist
kein Artefact, sondern hat wohl seine biologische Entsprechung in der
Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit in unserem Gehirn. Auch dieses
Wissen kann pädagogisch wertvoll sein und nutzbar gemacht werden.
Doch: Ich habe oben von den
entwickelten bzw. sich in seinem gesamten Lebensprozeß entwickelnden
kognitiven, kommunikativen, musisch-ästhetischen, motorischen und
sozial-emotionalen Beziehungen des Menschen zur Welt gesprochen.
Wenn wir uns heute über BEGABUNG und BEGABUNGSENTWICKLUNG verständigen, dann gehört diese Aussage ins
Zentrum unserer Überlegungen und zwar ebenso in ihrer Ganzheitlichkeit
wie in ihrer Differenziertheit.
Deshalb gehen wir in unserer Arbeit
seit weit mehr als zwanzig Jahren von einem mehrdimensionalen
Begabungskonzept aus. Ähnliches findet man inzwischen in der Literatur
in ähnlicher oder modifizierter Weise.
Dieses Konzept umfaßt folgende Begabungsdimensionen:
Begabt für:
1. kognitive, mathematisch-naturwissenschaftliche Anforderunge
2. sprachliche, kommunikative, mutter- und fremdsprachliche Anforderungen
3. musisch-ästhetische Anforderungen
4. für psychomotorische, fein- und grobmotorische Anforderungen
5. sozial-emotionale Anforderungen.
Uns interessiert somit das
Entwicklungsniveau der kognitiven Fähigkeiten bzw. der kognitiven
Begabung ebenso wie das Entwicklungsniveau der kommunikativen Fähigkeiten
und eben in ihrer Differenzierung hinsichtlich der sprachlichen Fähigkeiten,
der muttersprachlichen wie der fremdsprachlichen, der rhetorischen wie
der schriftlichen usw. Uns interessiert differenziert das musisch-ästhetische
Entwicklungsniveau ebenso wie das motorische von der Feinmotorik und
Bewegungskoordination bis zur sportlichen, und uns interessiert das
sozial-emotionale Entwicklungsniveau der Fähigkeiten einer
heranwachsenden Persönlichkeit.
Wenn wir uns aber für die Begabung
vor allem unter dem Aspekt der Kreativitätsentwicklung interessieren,
dann stellen wir fest, daß kreative Leistungen nie isoliert auf einem
dieser Dimensionsstränge basieren. Der kognitiv hochbefähigte Erfinder
benötigt - um ein Beispiel zu nennen - natürlich hoch entwickelte
kognitive Fähigkeiten, einen hohen IQ, er benötigt aber ebenso
kommunikative Fähigkeiten, rhetorische ebenso wie fremdsprachliche, er
muß seine Idee mündlich und schriftlich beschreiben und dokumentieren
können, er benötigt ästhetische Fähigkeiten, um seiner Idee oder
seinem Modell eine überzeugende Gestalt geben zu können, er benötigt
für den Bau des Prototyps feinmotorische Fähigkeiten und er benötigt
zur Gewinnung von Mitstreitern und Mitarbeitern an seiner Idee ebenso
wie für die Umsetzung dieser Idee soziale Fähigkeiten. Wir könnten
jetzt theoretisch jede Leistung kreativer Persönlichkeiten hinterfragen,
wir werden zu keinem anderen Ergebnis gelangen - und werden sogar
feststellen, daß im Leben oder an ihrem Lebenswerk gescheiterte begabte
und kreative Persönlichkeiten in der Mehrheit aller Fälle daran
gescheitert sind, daß sie in einer oder mehrerer dieser Dimensionen
Defizite aufwiesen.
Betrachten wir dagegen den
Unterricht, dann sehen die in den Lehrplänen vorgesehenen Proportionen
ganz anders aus. Je weiter wir in diesem Modell nach unten gehen, um so
geringer ist der Anteil, den die Lehrpläne für die systematische
Entwicklung der jeweiligen Fähigkeiten außerhalb von deklarierten
Zielen konkret vorsehen - und ohne polemisch zu werden müssen wir doch
wenigstens die Frage stellen, welche Strategien es zur Entwicklung der
sozial-emotionalen Fähigkeiten in der Schule gibt und welche Strategien
den künftigen Lehrern in welchem Umfang vermittelt werden.
Diese Mehrdimensionalität der Begabung stimmt überein mit den Erkenntnissen,
die die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten über die Funktionalität
unserer linken und rechten Hirnhemisphäre gewonnen hat. Systematisch
entwickelt werden fast ausschließlich die Funktionen der linken
Hirnhemisphäre, die der rechten aber werden sträflich vernachlässigt.
Auch das hat seine historischen Gründe.
Sie resultieren aus den letztlich ökonomischen Funktionen im
historischen Zeitraum des Übergangs zur systematischen Schulbildung und
der Hochschulbildung ebenso wie aus der Tatsache, daß die
gesellschaftlichen Anforderungen an den einzelnen eben auf die
lebenslange unveränderte Ausführung von Tätigkeiten und auf ein dem
angepaßtes Verhalten gerichtet waren. Erfolgreich im gesellschaftlichen
Sinne war eben der, der in hoher Perfektion lebenslang gleichartige Tätigkeiten
ausführen konnte. Das ist, wie eingangs erläutert, heute anders und
wird sich in Zukunft noch weiter verändern. Damit tritt wieder die
gesamte Potenz, über die der Mensch verfügt, in den Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit des Pädagogen wie des Psychologen oder sie sollte es
wenigstens, wenn wir unsere Aufgaben ernst nehmen.
Das heißt aber weiterhin, daß wir
nicht ganzheitlich, sondern recht einseitig entwickelt sind. Wir können
hervorragend analysieren, aber aus dem Analysierten Neues zu
synthetisieren, fällt uns viel schwerer. Wir können mit wachsendem
Alter immer besser abstrakt denken, aber Abstraktes konkretisieren, in
Bilder und Vorstellungen umsetzen, fällt uns ebenfalls deutlich
schwerer. Nicht nur Einstein aber hat bei der nachträglichen Analyse
des Entdeckungsprozesses der Relativitätstheorie darauf aufmerksam
gemacht, daß die kreative Leistung bildhaft ablief, genauer gesagt, von
ihm bildhafte Vorstellungen bewußt projektiert, organisiert und so lange umstrukturiert wurden, bis
er zu einem in sich stimmigen inneren Bild gelangt war. Der nachfolgende
Abstraktionsprozeß diente ihm nur dazu, seine Idee, seine Entdeckung für andere nachvollziehbar und verstehbar zu machen.
Im Schulalter wird jedoch das
konkret-anschauliche, vorstellungsgebundene Denken vernachlässigt. Das
zeigt der Vergleich beide Fähigkeitsdimensionen aus Intelligenztests.
Als Lehrerstudenten haben wir zudem
gelernt, daß das abstrakte Denken die höhere Form des Denkens ist.
Kreative Persönlichkeiten unterscheiden sich von weniger kreativen aber
kaum im Entwicklungsniveau ihres abstrakten Denkens, sie unterscheiden
sich aber deutlich im Niveau ihres konkret-anschaulichen Denkens. Je höher
das kreative Niveau um so geringer sind die Differenzen zwischen beiden
Fähigkeitsbereichen. Es gehört jedoch zu der Tragik in der
individuellen Entwicklung, daß alle Untersuchungsergebnisse bisher
zeigen, daß nach der Pubertät diese Entwicklung stagniert. Dafür gibt
es möglicherweise biologische Gründe, zumindest erscheinen mir
entsprechende Hypothesen gut fundiert.
Hier liegt wohl eine Erklärung dafür,
daß nach unseren biografischen Analysen später hochkreative Persönlichkeiten
sich von jenen, die weniger kreativ waren, nur wenig im Verlauf ihrer
gymnasialen oder universitären Entwicklung unterschieden, dagegen
deutlich in den ersten zehn bis zwölf Lebensjahren. Sie waren
signifikant häufiger in Prozesse einbezogen oder zu ihnen angeregt
worden, die ihr konkret-anschauliches Denken entwickelten. Das betrifft
frühe Anregungen zum Sammeln, Gestalten, zu technischen Experimenten
ebenso wie frühe künstlerische Tätigkeiten in breiter Palette. Ich
zitiere gern eine Untersuchung von Ilmenauer Wissenschaftlern um Prof.
Dr. Erck, die analysiert hatten, daß 39 % der Nobelpreisträger zum
Zeitpunkt ihrer nobelpreiswürdigen Leistung selbst aktiv künstlerisch
tätig waren, jedoch nur 8 % der Ingenieure, die in Ilmenau studiert
hatten. Je höher das kreative Niveau einer Gruppe um so höher der
Anteil, der unter ihnen künstlerisch tätig war.
Alle diese Ergebnisse stimmen überein
mit neueren hirnphysiologischen Forschungen über die Entwicklung der
Architektur unseres Gehirns, auf die in unserem Sprachraum immer nachdrücklicher
Prof. Singer verweist.
Die noch recht jungen englischen
Excellence-Center, die sich dem gesunden Aufwachsen vom Säuglingsalter
an widmen, vermitteln den Eltern einen nachdenklich machenden Leitspruch:
Säuglinge haben keine Zeit zu verschenken. Und der Mitbegründer von
Sony und spätere Präsident des japanischen Patentamtes, Dr. Masaru
Ibuka, schrieb vor über 20 Jahren ein Buch mit dem Titel “Der
Kindergarten kommt zu spät”, um gerade darauf aufmerksam zu machen.
Unsere sensible Lernzeit liegt in den ersten zehn bis maximal zwölf
Lebensjahren oder wie Prof. Singer betont, wir müssen nach dieser Zeit
immer effektiver damit zu arbeiten versuchen, was in diesen ersten
Lebensjahren an Architektur im Gehirn entstanden ist, von diesem
Zeitpunkt an geht es vorrangig nur noch um die Effizienz der
Hirnleistungen, nicht mehr um Neubildungsprozesse.
Schon vor der Geburt beginnt die
Verschaltung unserer Hirnzellen. Es entsteht ein komplexes Netzwerk mit
bis zu 100 Billionen Informationsschaltstellen, den Synapsen.
Fortwährend wird in der geistigen
Tätigkeit die Kommunikation der Hirnzellen perfektioniert. In sensiblen Phasen leitet jede dann Impulse zu bis zu 15000
anderen, oft weit entfernt liegenden. So entsteht durch Sinnesreize
unsere Sprache, entstehen unsere Emotionen, entsteht unser musisch-ästhetisches
Empfinden, entsteht die Koordination unserer Bewegungen. Doch in diesen
Jahren verlorene Zeit kann nicht immer aufgeholt werden. Bereits mit zwölf
Monaten haben Kinder die Fähigkeit verloren, Laute zu unterscheiden,
die in ihrer Sprache keine Rolle spielen, Die im Überschuß angelegten
Verbindungen zwischen den Neuronen verkümmern, werden eingeschmolzen,
wenn sie in einer biologisch festgelegten Zeitphase nicht genutzt werden.
Brutal zeigen neuere US-amerikanische Forschungen, daß Kinder, die im
frühesten Alter länger als zehn Stunden täglich vor dem Fernseher
abgesetzt werden, irreversible Hirnschädigungen erleiden. Sie sehen,
aber sie verarbeiten das Gesehene nicht, sie nehmen es wahr aber sie
begreifen es nicht.
Unser Konzept der
Begabungsentwicklung durch Kreativitätsförderung bemüht sich, all das
bisher Gesagte einzuschließen und praktisch umzusetzen:
- die konsequente Nutzung der sensiblen Phasen insbesondere im Kleinkind-Vorschul- und Grundschulalter,
- die bewußte Entwicklung der Funktionen der rechten und der linken Hirnhemisphäre
- die Förderung der Differenzierung aller Sinne bzw. deren vorangehende Entwicklung auf dem
jeweils vorhandenen Ausgangsniveau, also vom Hören zum Lauschen, vom
Sehen zum Schauen und Betrachten, vom Spüren zum Fühlen und Erfühlen,
vom Riechen zum Schnuppern und Erschnuppern - und all das mit allen
Sinnen in Hunderten von Nuancen.
- das Stimulieren der Kinder zum Tätigwerden, also zu angestrengter, lustbetonter, konzentrierter Tätigkeit (wobei
jedes dieser Worte für sich genommen bedeutsam ist)
- die Entwicklung des bildhaften, konkret-anschaulichen, vorstellungsgebundenen Denkens und der Phantasie
- die Nutzung der vielfältigen Transferwirkungen bei diesen Tätigkeiten und damit
- die Wiederherstellung der insbesondere seit dem Mittelalter verlorengegangenen Einheit zwischen
dem Abstrakten und dem Konkreten sowie zwischen dem Rationalen und dem
Emotionalem in unserem Bewußtsein, die Aufhebung der Trennung zwischen
Denken und Fühlen, zugleich im Bemühen um die Wiederherstellung der
Wertschätzung von beidem als Einheit - gegenüber dem heutigen
Unterordnen des Fühlens unter das Denken, des Konkreten unter das
Abstrakte, des Musisch-ästhetischen unter das Rationale und damit
generell des Emotionalen unter das Rationale.
Doch dieses Verhältnis ist nicht
einseitig, es geht nicht um das Entweder-Oder sondern um das
Sowohl-Als-auch. So wie die Qualität des analytischen Denkens mit der
Qualität des synthetischen Denkens zunimmt, so wirkt sich die stärkere
Betonung des Emotionalen zwangsläufig auf die Qualität des Rationalen
aus, stimuliert die Förderung des konkret-anschaulichen Denkens
zugleich wiederum das abstrakte Denken usw.
Und damit komme ich zu meinem dritten Punkt:
Die Umsetzung unserer Position in den BIP-Kreativitätsschulen
Um die Konsequenzen darzustellen,
die zur Gründung der BIP-Kreativitätsschulen durch uns führte, ist es
notwendig, aus dieser ganz spezifischen Sicht die DDR-Schulwirklichkeit
darzustellen, obwohl diese BIP-Kreativitätsschulen letztlich auf allen
Erkenntnissen basierten, die uns bei ihrer Entstehung zugänglich waren
bzw. heute zugänglich sind. Die eingangs dargestellte historische
Entwicklung gilt für die Mehrheit der europäischen Länder und der von
diesen weltweit exportierten Schulsysteme.
Auch wenn das an dieser Stelle
manchem übertrieben klingt: die DDR besaß ein stark differenziertes
dreigliedriges Schulsystem. Es gab für die Masse die zehnklassige
polytechnische Oberschule, aus der leistungsschwächere Schüler
vorzeitig, in der Regel nach dem achten Schuljahr abgingen. Knapp
zwanzig Prozent der Schüler wurden nach Ergebnissen der Intervallstudie
Schüler des ZIJ mindestens einmal nicht versetzt (daraus rekrutierten
sich in der Regel die vorzeitigen Abgänger - dies wurde offiziell nicht
zur Kenntnis genommen, weil es so gar nicht ins offizielle Bild der DDR-Schule paßte).
Von den leistungsstärksten 12
Prozent kamen ca. 8 bis zehn Prozent zur erweiterten Oberschule und
damit zum Abitur, ein noch einmal deutlich darunter liegender
Prozentsatz besuchte die erst vier und wohl ab 1984 vierzehn
Spezialschulen mathematisch-naturwissenschaftlicher oder die in meiner
Erinnerung acht Spezialschulen künstlerischer, speziell musikalischer
und tänzerischer Richtung. Während die zum Abitur führenden
Erweiterten Oberschulen erst nach dem achten, später sogar nach dem
zehnten Schuljahr begannen, begannen die unterschiedlichen
Spezialschulen deutlich früher ab dem 3., 5. oder 7. Schuljahr).
Schüler aus diesen Schulen nehmen
übrigens heute in ganz Deutschland Führungspositionen ein.
Diese Bildungswegdifferenzierung
war weitestgehend durch die Schulbildung auf der Grundlage des
Lehrplanwerkes verursacht.
Zur Entwicklung der Begabung der
Kinder und Jugendlichen gab es ein wiederum in der Regel dreistufiges
System, das nur kurz skizziert werden soll. Auf der untersten Stufe
existierten in den Schulen und an Freizeiteinrichtungen
Arbeitsgemeinschaften oder Zirkel, Tanz-, Sport-, Kulturgruppen, Schülerakademien
auf Stadtebene usw., die von den Schülern interessen- oder
neigungsorientiert gewählt wurden. An einer ganz normalen zehnklassigen
polytechnischen Oberschule gab es ca. 40-60 Arbeitsgemeinschaften, die
überwiegend von Lehrern geführt wurden und sich speziellen oder
allgemeinen Themen der Unterrichtsfächer zuwandten. In einzelnen Schulfächern,
z.B. in Mathematik, gab es Schulolympiaden auf allen Klassenstufen (in
der Unterstufe die sogenannten ABC-Olympiaden), an denen alle Schüler
teilnahmen. Außerdem gab es eine Fülle weiterer Möglichkeiten, vom
sogenannten Geigenkindergarten in Leipzig, wo die Kinder unter Leitung
der Hochschule für Musik (Leitung: Prof. Hertel) Geigenunterricht
erhielten bis zu Betriebssportgemeinschaften oder künstlerischen
Laiengruppen wie bspw. dem Tanztheater der Deutschen Post in Leipzig.
Die auf den jeweiligen Gebieten
jeweils besten Kinder und Jugendlichen wurden zu Leistungsausscheiden,
zu Kreis- und dann zu Bezirksolympiaden oder - so im Schach oder im
Sport - zu sogenannten Spartakiaden eingeladen. In den Ferien
existierten Spezialistenlager, in denen diese Kinder die Möglichkeit
besaßen, unter fachkundiger Anleitung ihre Begabungen weiter zu
entwickeln (von Mathematiklagern bis zu Schachlagern).
Nach in der Regel Bezirksolympiaden
oder Bezirksspartakiaden wurden wiederum die besten zu den
DDR-Ausscheiden delegiert, auf einzelnen Gebieten dann zu den
internationalen Olympiaden - jeweils verbunden mit speziellen
permanenten Qualifizierungsmöglichkeiten. Diese reichten von den regelmäßigen
Zusammenkünften solcher Schüler in größeren Städten bis hin zu
Korrespondenzzirkeln in ländlichen Gegenden. Gewährleistet war, daß
dort, wo die Kenntnisse der Lehrer nicht mehr ausreichten, spezielle Kräfte
von Hochschulen, Universitäten oder aus Betrieben dafür gewonnen und
freigestellt wurden.
In Abhängigkeit von den
Altersgruppen erfolgte dann auf einer quasi dritten Stufe die
Delegierung an die speziellen begabungsfördernden Schulen oder andere
Einrichtungen - so gab es in Leipzig an der Universität für die
mathematisch begabtesten Schüler eine mathematische Schülergesellschaft,
die übrigens auch heute noch existiert. An den Musikhochschulen oder
anderen Kunsthochschulen existierten teilweise Kinderklassen ab
Vorschulalter für solche speziell früh begabten Schüler.
Am entwickeltsten war dieses System
einerseits im Sport, andererseits auf den Gebieten der Mathematik und
der Musik. Ich will jetzt nicht darauf eingehen, obwohl man das nie
unterschlagen darf, daß dieses System gegenüber Kindern auch politisch
mißbraucht wurde und allein familiäre Kontakte zu Verwandten in der
Bundesrepublik ausreichten, Kinder und Jugendliche aus dieser Förderung
auszuschließen oder sie zu internationalen Vergleichen nicht
mitzunehmen, für die sie sich qualifiziert hatten, und ich will auch
nicht auf die Behinderung von Kindern auf bestimmten Bildungswegen
eingehen, über Jahrzehnte reichte die “soziale Herkunft: Intelligenz“,
um nur unter erheblich erschwerten Bedingungen oder überhaupt nicht das
Abitur ablegen zu können.
So durchdenkenswert heute solche
Ansätze sind, wir sahen auch massive inhaltliche Kritikpunkte, die wir
innerhalb unseres Interventionsprojekts anzugehen versuchten. So gab es keine Begabungsentwicklungsphasen in
dem Sinne, daß überhaupt die Breite der Möglichkeiten jedes Kindes in
entsprechenden Tätigkeiten
ausgelotet wurde. Die neigungs- oder interessenorientierte Beschäftigung
der Kinder basierte allein auf den oft sozial verursachten Neigungen.
Wenn also - um ein immer aktuelles Beispiel zu nennen -, zu Hause ein
Klavier stand, war die Wahrscheinlichkeit hoch, daß dieses Kind
Klavierunterricht erhielt, vielleicht lag oder liegt aber seine tatsächliche
Begabung auf ganz anderen Gebieten, wenn der Freund zum Fußballspielen
geht, geht der andere Freund eben mit, vielleicht liegt dessen Begabung
aber im Tanz... usw.
Unser zweiter Kritikpunkt bezog sich auf die Zielstellung der ideologisch determinierten Vorbereitung
auf die Beschäftigungsfähigkeit. Die DDR benötigte in Größenordnungen
Ingenieure, Wissenschaftler, Instrumentalisten oder wollte ihr Prestige
- inzwischen wissen wir, daß ohne Emotionen gesprochen, da wir selbst
Betroffene sind, nicht immer nur lautere Mittel eingesetzt wurden -
durch sportliche Leistungen erhöhen. Das war ausschließlich im Rahmen
des - zudem auf falsch verstandener Chancengleichheit beruhenden -
Schulsystems für die Masse der Kinder nicht möglich und in
Berufsausbildung und Studium allein nicht mehr leistbar. Der Aspekt der
Persönlichkeitsentwicklung des Individuums wurde aus dieser Sicht
erheblich vernachlässigt und blieb unberücksichtigt.
Ein dritter Kritikpunkt bezog sich
davon ausgehend auf die in der Spitzenförderung unsensible, weil ökonomisch
begründete Herausnahme aus der Förderung von solchen Kindern und
Jugendlichen, die in ihrer Begabungsgenese stagnative Phasen erlebten
und vorgegebene Ziele nicht zeitnah erreichten. Das war oft mit
erheblichen Brüchen der individuellen Lebenssituation verbunden und führte
nicht selten zu negativen Auswirkungen auf die weitere Entwicklung.
Nicht die Persönlichkeit, sondern die ideologisch und ökonomisch
determinierte Nützlichkeit des Kindes stand im Zentrum der Förderung.
Solche kritischen Punkte
resultierten sowohl aus dem politischen System der DDR einerseits bis
hin zu einem verbreiteten Mißtrauen gegenüber besonders begabten oder
gar kreativen Personen andererseits sowie generell der Unkenntnis des Prozesses der Begabungsgenese. So dominierte
zum einen unter Lehrern, Trainern, Übungsleitern eine
milieutheoretische pädagogischen Haltung derart, daß auch im Bereich
der Spitzenförderung Motivation und Fleiß entscheidend und letztlich
ausschlaggebend sind - mit Ausnahme der Kunst und einiger Sportarten
verschloß man sich in der Praxis wissenschaftlich fundierten
genetischen und biologischen Erkenntnissen. Sie resultierten weiterhin generell aus dem geringen Kenntnisniveau der Masse der
Lehrer über die gesamte Begabten- und Hochbegabtenproblematik. Aber
letzteres war und ist kein DDR-spezifisches Problem.
Uns hatte als Wissenschaftler nach
unseren zahlreichen pädagogisch-psychologischen und soziologischen
Einzel- und Massenuntersuchungen in unterschiedlichsten Gruppen
interessiert, was passieren würde, wenn alle Kinder seit ihrer frühesten
Kindheit solche Anregungen erhalten, wie das zahlreiche Nobelpreisträger,
Erfinder oder Schöpfer überragender Kunstwerke in ihren
Lebensberichten aufzeigten. Im Mittelpunkt standen für uns die Fragen
nach der Gestaltung des Tätigkeitsprozesses dieser Kinder, nach einer
dafür adäquaten Umwelt und nach den Anforderungen an den mit diesen
Kindern tätigen Pädagogen. Unser Ausgangspunkt war also der
Entwicklungsprozeß besonders begabter und kreativer Persönlichkeiten,
um von daher Schlußfolgerungen für die pädagogische Praxis ableiten
zu können.
Diese Frage führte unter
Einbeziehung der weltweit vorliegenden Erkenntnisse und praktischen
Umsetzungen - erinnert sei hier an die Hamburger Weltkonferenz des world
council for gifted and talented children - zu einer fünfjährigen
Interventionsforschung, einem Modellversuch, in Kindergärten und
Grundschulen von 1988 bis 1993 und schließlich zu den Kreativitätsschulen
(Die Literaturrecherchen fanden Eingang in H.-G. Mehlhorn/Klaus K.
Urban, Hochbegbatenforschung international, Berlin und Köln 1989).
Bereits die Ergebnisse des nachfolgend noch darzustellenden
Forschungsprogramms aus den Kindergärten waren überzeugend (siehe
auch die Ergebnisdarstellung unter www.crativityschools.com). Das
damalige Volksbildungsministerium erkannte, daß die Kinder sich so
positiv entwickelt hatten, daß sie nicht mehr ins bestehende
DDR-Schulsystem passen würden, man bräuchte für diese Kinder schon ab
1. Klasse Spezialschulen, die es niemals geben würde - und verlangte
daraufhin, daß diese Interventionsforschung abgebrochen wird. Daß wir
nicht mehr gezwungen werden konnten, dem nachzukommen, war der
politischen Wende in der DDR zu verdanken. Wir waren immer an
Schwierigkeiten gewohnt und besaßen deshalb die Beharrlichkeit, diese
Forschungen unter diesen Ausgangsfragestellungen planmäßig bis zum
Ende der Grundschulzeit dieser Kinder 1993 fortzuführen - und das trotz
aller Wendewirren und der heute kaum noch bewußten umfassenden Umbrüche
mit allen Folgen für unsere finanziellen und personellen Konzepte in
diesen Jahren. Auf der Grundlage dieser hierbei gewonnenen Erkenntnisse
entstanden die BIP-Kreativitätsschulen.
BIP-Kreativitätsschulen sind
spezielle Einrichtungen zur Entwicklung und Förderung der Kreativität
durch die Entwicklung des Begabungspotentials, der Intelligenz und der
zugehörigen Persönlichkeitsqualitäten, deshalb BIP-Kreativitätsschulen.
Nach Möglichkeit sollten sie vom Kindergarten bis zum Schulabschluß
durchlaufen werden. Sie sind für alle Kinder geeignet, vom geistig
gesunden gering begabten Kind bis zum Hochbegabten.
Diese Einrichtungen entstanden und
entstehen als:
1. Little-Genius-Kreativitätsschulen,
die ein spezielles Förderprogramm für alle Kinder zwischen dem ca. 3.
und 10-12 Lebensjahr anbieten. In ihnen wird dieses Programm ganz- oder
halbtags für Vorschulkinder als Minimax-Programm angeboten oder wöchentlich
zweimal zwei Stunden für Kinder der gesamten Altersspanne.
2. als BIP-Kreativitätskindergärten, in denen das Programm in den Tagesablauf integriert ist
3. als BIP-Kreativitätsgrundschulen, die dieses Programm - allerdings erweitert und in enger Verflechtung zum
Unterricht - in den Unterricht und das Hortprogramm ganztägig integrieren
4. als BIP-Kreativitätsgymnasien, die dieses Programm unter dem Aspekt der Begabungsförderung weiterführen
und praxisorientierte Kreativitätsschwerpunkte setzen.
Wir gehen dabei von der benannten
Position aus, daß hohe kreative Leistungen auf der Einheit eines 1.
hohen Niveaus logischen Denkens, 2. entwickelter sprachlicher und
fremdsprachlicher Kommunikationsfähigkeiten, 3. eines hohen musisch-ästhetischen
Niveaus, 4. entwickelter motorischer Fähigkeiten und 5. eines hohen
emotional-sozialen Niveaus basieren. Diese Persönlichkeitsdimensionen
werden durch das von uns gemeinsam mit einer großen Forschungsgruppe
von Wissenschaftlern und Künstlern entwickelte Komplexprogramm, an dem
sich alle Kinder gleichermaßen beteiligen, spezialisiert und integrativ
gefördert. Es geht also jeweils um alle der oben genannten fünf
Begabungsdimensionen.
Alle Kinder werden dazu in folgende
spezialisierte Tätigkeitsangebote einbezogen, die nach unserem
bisherigen Erkenntnisstand dafür am besten geeignet sind:
- Erlernen des Schachspiels und strategischer Spiele
- Nutzung des Computers zum Knobeln und Gestalten bis hin zum Programmieren
- kreativer Sprachgebrauch, kreatives Schreiben
- frühe Sensibilisierung für fremde Sprachen (in den Kreativitätsschulen eine Fremdsprache, in den
BIP-Kreativitätsgrundschulen zur Zeit ab Klasse 1 drei - eine germanische: englisch, eine romanische: französisch und eine außereuropäische: z.Z. Arabisch)
- Darstellendes Spiel, Rollenspiele, Theaterspiele, Ideen, Gedanken, Gefühlen im Spiel Ausdruck geben
- kreativer Tanz, Bewegung und Tanz,
- Bildkünstlerisches Gestalten, Malerei, Grafik, Plastik
- Elementare Musikerziehung, Rhythmik
- in allen BIP-Kreativitätsgrundschulen Erlernen der Grundlagen eines Musikinstruments über mindestens ein Jahr
- bei Interesse weitere Fortführung (zur Zeit in den einzelnen Klassen
und Schulen unterschiedlich bis 70 % aller Schüler).
Diese fachspezifische Orientierung
ist nicht auf fachspezifische Ziele beschränkt. So fördert das
Darstellende Spiel zwar vorrangig darstellerische Fähigkeiten, aber
eben auch sprachliche, fördert das Gedächtnis, die Konzentration, fördert
musisch-ästhetische, fördert motorische und sozial-emotionale im Spiel
mit anderen wie auch in der besseren Erfassung der eigenen sozialen
Position, das Einstellenkönnen auf andere, das Auf-andere-eingehen-können
usw.
Analog gilt das für jede einzelne
Disziplin auf jeweils spezifische Weise, auch wenn es jeweils
Schwerpunkte gibt. So wurde Schach gewählt wegen seiner Potenz zur Förderung
des strategischen, vorausschauenden Denkens auf bildhafter
Vorstellungsebene.
Von hier aus ergibt sich die enge
Verflechtung mit dem Unterricht und den Lehrplanfächern und in deren
Ergebnis die überraschend positive schulische Entwicklung. Während
nach den anspruchsvollen Kriterien der Bildungsempfehlung in Sachsen 80
% der Modellversuchskinder 1993 die Bildungsempfehlung erreichten, waren
das 2000 sogar alle Kinder der ersten Grundschulklasse in Leipzig und
jene, die an ihren künftigen Gymnasien Aufnahmeprüfungen ablegen mußten,
bestanden diese erfolgreich.
Die Kernziele dieses Programms bestehen darin
1. langfristig die Begabungspotenzen jedes einzelnen Kindes zu entwickeln, also weg von der
dominanten Spontaneität und Zufälligkeit bei der Konfrontation des
einzelnen Kindes mit Einzelangeboten und anstelle dessen das Erkennen
der Stärken und Schwächen, dem weiteren Ausbau der Stärken und das
Schließen der Schwächen.
2. die Kinder allseitig zu
entwickeln, sie Tätigkeitserfahrungen auf allen Gebieten sammeln zu
lassen und Hemmnisse vor einzelnen Gebieten abzubauen.
3. die Kreativität zu entwickeln und das Begabungspotential weiter auszuprägen.
Die Organisation an den BIP-Kreativitätsschulen ist grundsätzlich dieser Zielstellung untergeordnet.
Dazu gehört die Arbeit mit kleinen
Gruppen, in den Little-Genius-Kreativitätsschulen mit maximal 10
Kindern. Ich beziehe mich jetzt weiterhin nur auf die Grundschulen, von
denen es seit 1997 eine in Leipzig gibt, seit 1998 eine in Chemnitz,
seit 2000 eine in Heidenau bei Dresden. Beantragt sind solche Schulen für
Gera in Thüringen und Wittenberg in Sachsen-Anhalt, in Vorbereitung
sind weitere in Berlin, in Berliner Randlage und in München. Die
Klassenstärke beträgt in den Grundschulen maximal 20 Kinder, in den kreativen Disziplinen wird in der Regel die Klasse geteilt.
Jede Klasse hat zwei Lehrer, in der Regel einen davon mit Hortabschluß
im Sinne eines traditionellen Horterziehers - es gab zu DDR-Zeiten eine
entsprechende Spezialisierung der Grundschullehrer quasi als drittes
Fach Hort, der als Lehrer diese sozialpädagogische Befähigung besaß
und auf die Altergruppe als Erzieher vorqualifiziert war.
Bei der Teilung der Klassen wird in
der Regel nach oben differenziert, wobei es in unterschiedlichen
Disziplinen unterschiedliche personelle Zusammensetzungen der Schüler
gibt. Diese Differenzierung betrifft auch mindestens 10 Lehrplanstunden
pro Woche, weil Lehrer dauerhaft kaum innere Differenzierungen im
Unterricht bewältigen. Personell ist das nicht aufwendiger als an
staatlichen Schulen und Horten, wo bspw. in Sachsen auf 32 Kinder ein
Lehrer sowie fast eineinhalb voll beschäftigte Horterzieher kommen.
An den Schulen gibt es durch diese Organisation keinen Unterrichtsausfall.
Hausaufgaben werden als
Schularbeiten in der Schule erledigt. Der Ranzen bleibt die Woche über
in der Schule, die Eltern sollen ihre Zeit mit den Kindern vielseitig
aber nicht als Hilfslehrer verbringen. Nachhilfeunterricht ist dadurch
grundsätzlich nicht erforderlich.
Die Schule ist ganzjährig vom 2.1.
bis 23.12. täglich von 7 bis 18 Uhr geöffnet, die Beschäftigungskernzeiten
liegen zwischen ca. 8-16 Uhr an drei Wochentagen (also an maximal 108
Tagen pro Jahr), an zwei weiteren Wochentagen wird der gestaltete
Tagesablauf verkürzt, damit die Kinder noch außerschulischen
Interessen nachgehen können, sie können aber auch in der Schule an zusätzlichen
Projekten teilnehmen. Letzteres gilt auch für alle Ferienzeiten.
Das generelle Hauptproblem für ein
solches Arbeiten ist die Qualifikation der Lehrer und Erzieher in allen
Organisationsformen der BIP-Kreativitätsschulen. Aus den eingangs
dargelegten Gründen genügt die Ausbildung der Lehrer wie auch Erzieher
diesen Anforderungen nicht. Sie erhalten deshalb auf der Grundlage
unserer Konzeption eine 1860 Stunden umfassende Fortbildung zum
Kreativitätspädagogen auf universitärem Niveau, was fast einem
sechssemestrigen Studium entspricht. Absolventen dieser Fortbildung
werden auch von einer Fülle anderer Einrichtungen gern angestellt - von
kommunalen Kindertagesstätten und staatlichen Schulen bis hin zu
Rehakliniken.
Die fachliche Umsetzung dieser
Fortbildung an den BIP-Schulen wird durch das Leipziger Kreativitätszentrum
überwacht, weitere Fortbildungen unterstützen dies.
Lehrer dieser Schulen haben außerdem
eine hohe Weiterbildungsverpflichtung, die auch angenommen wird, denn
neben der hier genannten kommt noch die jeweils fachliche Weiterbildung
dazu. Die Lehrer haben selbstverständlich auch ihre Ferien, aber Schülerferien
sind eben keine Lehrerferien, die Betreuung der Kinder in den Ferien gehört
ebenso dazu wie eben die Weiterbildung - übrigens knüpfen wir hier an
DDR-übliche Gepflogenheiten an, wo jeder Lehrer in den Ferien jährlich
eine Woche Weiterbildung absolvieren mußte. Mir ist es unverständlich,
wie an den staatlichen Schulen ein hohes Niveau über Jahrzehnte
gesichert werden kann, wenn die Pflicht zur Weiterbildung durch
moralische Appelle realisiert
werden soll und wenn dazu noch Themen angeboten werden, die mehr dem
Event-hopping in unserer Gesellschaft entsprechen als den
Notwendigkeiten des Unterrichts.
Trotz dieser Weiterbildungen werden in zahlreichen Disziplinen ab den älteren
Grundschuljahren wiederum Spezialisten benötigt, um weiterhin leistungs-
und begabungsadäquat differenzieren zu können.
Ein ausgewähltes Ergebnis: Ich möchte meine Ausführungen mit einem Intelligenztestergebnis beenden.
An den BIP-Kreativitätsgrundschulen
werden die Kinder ausschließlich in der Reihenfolge der Anmeldungen
aufgenommen, Aufnahmeprüfungen oder andere Auswahlverfahren erfolgen
nicht. Ein Ausgangstest war uns nicht möglich, weil das sofort zu dem
Eindruck führt, daß verdeckte Auswahlen vorgenommen werden.
Zwei Hauptmotive veranlassen Eltern,
ihre Kinder an solchen Schulen anzumelden. Diese sind erstens Angst
vor einer möglichen Überforderung der Kinder in großen Klassen
mit relativ anonymen Strukturen am Anfang der Grundschulzeit und dem
gegenüber an den BIP-Schulen zwei Lehrer für maximal zwanzig Kinder
sowie zweitens Angst vor einer Unterforderung, weil die Kinder
bereits in den Kindergärten unterfordert schienen oder sie unterfordert
waren, Testergebnisse auf überdurchschnittliche Fähigkeiten verwiesen
usw.. Aus letzterem Grund zogen bspw. seit dem Gründungsjahr 1997
bisher jedes Jahr Eltern mit hochbegabten Vorschulkindern nach Leipzig,
um sie an diese Schule zu geben. Das Mittelfeld fehlt aber bisher fast völlig.
Im vergangenen Schuljahr wurden an
der Leipziger Schule erstmals Kinder aufgenommen, von denen die Hälfte
(eine spätere Schulklasse) das Vorschulprogramm Minimax besuchte.
Die Ergebnisse zeigen, daß 50 %
der Kinder der jetzigen zweiten Klassen am Ende ihres ersten Schuljahres
Testergebnisse im Test Progressive Matrizen von Raven aufwiesen wie nur
1 % der Normalpopulation. Zwei Drittel dieser Kinder kommen aus der
Klasse, die am Minimax-Programm beteiligt war.
Ähnlich ist das Ergebnis im 3.
Schuljahr: auch hier liegt jeder 2. im obersten 1 %-Percentil. Schüler
mit solchen Testergebnissen werden in der Literatur oft als höchstbegabt
bezeichnet.
Wenn man die Ergebnisse vergleicht,
stellt man fest, daß die Schüler des dritten Schuljahres insgesamt über
einen durchschnittlich noch höheren Prozentrangewert (IQ) verfügen,
also ihre Testergebnisse über denen des 2. Schuljahres liegen.
In der Literatur ist die Meinung
verbreitet, daß überragende kreative Leistungen einen IQ von ca. 120
benötigen. Diesen Wert erreichen 80 % der Schüler dieser Schulen -
zumal bei entsprechender Frühförderung - bereits nach einem
Schuljahr an dieser Schule.
Übrigens zeigte schon der
Modellversuch, daß nach zwei Schuljahren aus sechs repräsentativ
ausgewählten Leipziger Klassen, in denen unser Angebot nur additiv dazu
kam, bereits immerhin 11 % im obersten 1 % - Percentil lagen und kein
einziger einen IQ unter 100 aufwies.
Zum abschließenden Vergleich:In ganz Deutschland hat sich
entgegen dieser Entwicklung in den letzten Jahren der durchschnittliche
IQ-Wert von 100 auf 95 abgesenkt, darunter im Osten von 102 vor der
Wende - wie Dr. Volkmar Weiß in einem Beitrag “Deutschland zehrt
seine Begabungsreserven allmählich auf” im August 2000 nachwies.
Während ein IQ von 102 besagt, daß
durchschnittlich alle leicht über dem Durchschnitt liegen, besagt ein
IQ von 95, daß der Durchschnitt heute dort liegt, wo vor wenigen Jahren
nur 40 % mit den geringeren Testleistungen zu finden waren. Dies stellt
einen dramatischen Einbruch vom Durchschnitt bei ca. 53 % auf den
Durchschnitt von ca. 40 % aller Gleichaltrigen dar.
Wie man auch immer zu
Intelligenztests steht, dieses Ergebnis ist nicht weniger dramatisch als
die umstrittenen und nicht selten schöngeredeten Ergebnisse der
TIMMS-Studien und sollte noch weitaus mehr Anlaß geben, darüber
nachzudenken, was aus den Ergebnissen unserer BIP-Schulen und
BIP-Schulkonzepten in den Schulalltag eingehen kann. Als wir im Dezember
1989 in Leipzig dazu die erste internationale Konferenz durchführten,
rieten uns damals zahlreiche Kollegen der damaligen Bundesrepublik,
nicht auf eine Umsetzung dieser Ideen in einem vereinigten Deutschland
zu hoffen. Ich erinnere mich noch genau an einen Satz eines damals
bereits guten Freundes: So alt könnt Ihr gar nicht werden, daß eine
KMK das auch nur ins Auge fassen würde, darüber nachzudenken. Und erst
das nachdrückliche Drängen eines befreundeten altbundesdeutschen
Bildungshistorikers, den Mut aufzubringen und freie Schulen zu gründen,
um nicht nur über das Konzept zu reden, sondern jeden Kritiker wie
Interessenten einladen zu können, das anzusehen, anzufassen, zu erleben
und schließlich insbesondere das nachhaltige Interesse des Sächsischen
Kultusministeriums an unserer Arbeit und für eine reichere
Schullandschaft an solchen Schulen, haben uns schließlich ermutigt, als
einen ersten Schritt diesen Weg zu gehen.
Das bisher Erreichte und vor allem
die positive Resonanz der Kinder und Eltern gibt uns die Kraft, diese
Idee auch künftig weiterzuentwickeln und umzusetzen.
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